„Stur wie ein Esel“

Faszination Beharrlichkeit

Ich war der Meinung, dass dank Internet viele Neuerungen an die Menschheit weitergetragen werden. Kommt man doch relativ leicht an Informationen, wissenschaftliche Studien und Vergleiche heran. Alleine auf Facebook werden einem innerhalb kürzester Zeit Unmengen an ähnlich tickenden Menschen vorgeschlagen – wenn sie denn eine Seite betreiben.


In meinem Fall: der Suchbegriff „positives Training mit Hunden“. Eine wahre Flut an Seiten und Namen werden einem hierbei vorgeschlagen. Anfänglich hochmotiviert, liest man sich Seite um Seite durch.

Und plötzlich beschleicht einem das Gefühl: Das hab ich doch vor 5 Minuten schon gelesen!?Mag sein, weil das Rad natürlich nicht jedes Mal neu erfunden werden kann – wozu auch? Rad rollt und holpert nicht, wozu also nochmal „erfinden“? Oder auch nur „verbessern“ wollen?

 

Jedenfalls dachte ich aufgrund dieser wirklich wahren Flut an Informationen, dass sogar der letzte der Hundehalter informiert sein sollte, dass es nicht viel bringt, seinen Hund zum Beispiel anzuschreien.

 

Und dennoch: unlängst am Telefon mir genau so passiert.

 

Eine Bekannte von einem Bekannten wollte Unterstützung beim Finden eines geeigneten Trainers. Ich bot mich selbstverständlich an, bei der Suche behilflich zu sein – irgendwie getreu dem Motto: einmal Helfersyndrom, immer Helfersyndrom.

 

Also fragte ich die Dame, wobei sie denn Probleme mit ihrem Hund hätte.

 

„Eigentlich geht sie (Anm.: die Hündin!) brav an der Leine, außer es sind andere Hunde da. Oder Hasen. Dann geht gar nichts mehr. Deshalb kann ich sie auch kaum frei laufen lassen. Ich rufe und rufe, doch sie kommt nicht.

Bis ich sie anschreie, dann kommt sie gaaaanz langsam und weiß genau, sie hat

jetzt was falsch gemacht. …“

Echt jetzt? Weiß sie das?

Ich sage: NOPE!!! Das, was nach „Blödsinn gemacht – schlechtes Gewissen jetzt hat“ aussieht, ist nichts anderes als „Du bist sooo schlecht gelaunt, mit Dir will ich gaaaar nix zu tun haben! Ich bleib lieber auf Distanz, beruhig Du Dich doch mal, dann komm ich wieder“.

 

Beobachtet bitte jetzt mal Euch selber: Was passiert denn mit dem Oberkörper, wenn Ihr z. B. auf einer Wiese steht und Euer Hund mit wehenden Ohren vor Euch davon läuft und ihr ihn ruft? Wie hört sich das denn an?

 

Von einem lieblichen, aufrechten „Waldi, ko-hoomm“ zu einem bitterbösen, im rechten Winkel dastehenden, Hochrotenkopf habenden Heeeeeeeeeeeeektooooooooooooooooooor!!!!“ ist wohl alles dabei - je nach dem, wie oft Ihr rufen müsst.

Review ... und Unvergessen

Eine Trainerkollegin „borgte“ sich für die Trainerprüfung Pino von mir aus. Ich habe ihr wochenlang eingebläut: „Wenn Du Pino rufst, bitte biege Dich leicht nach Hinten, Verlagere auch das Gewicht nach hinten und rufe ihn mit einem Supergrinser – dann stehen Deine Chancen sehr gut, dass er kommt“. Wir haben es des Öfteren gemeinsam geübt und richtig: Pino kam – für seine Verhältnisse – freudig und rasch zu ihr.

 

Was macht sie am Prüfungstag? Sie beugt sich nach vor, es fallen ihr die Haare ins Gesicht, so dass Pino noch weniger erkennen kann aufgrund der Entfernung und klar, der Ruf wird immer böser. Und die Reaktion von Pino???

 

RICHTIG! Oh, ein Gänseblümchen, hmmm, wie gut das duftet. Ui, da ist ein blühender Löwenzahn. Ohoh, sie ist noch immer grantig … jöööö, ein Rotklee …

 

Und ich stand im Hintergrund verborgen und dachte nur: ich würge sie!

Also: wenn Hund nicht kommt, wenn Ihr ihn ruft … dann habt Ihr was verbockt und solltet Euch überlegen, was Ihr verbockt habt! Euren Hund anzubrüllen ist die schlechteste Wahl der Lösungen. So signalisiert Ihr lediglich, dass Ihr unberechenbar seid und sich Euer Hund nicht auf Euch verlassen kann.

 

Was mich nun bei oben geschildertem Verhalten „fasziniert“, ist: Wenn es nicht funktioniert, wieso wird dann weitergemacht mit dem Verhalten?

Und nochmals an die eigene Nase gefasst: Wie reagiert Ihr auf einen Mitmenschen, der herumtobt und Euch ruft? Geht Ihr freudig hin zu ihm, oder ist da im Gedanken „anschreien kannst wem anderen!“?

 

SIEHSTE!!! Warum wird aber genau das von unserem besten Freund – dem Hund – verlangt?

 

Wenn Euer Hund auf Euer Rufen nicht kommt, dann ändert etwas. Heute noch!

 

Solange Euer Hund auf den Rückruf nicht 100%ig reagiert, soll heißen von 10x rufen kommt er 10x so schnell er kann zu Euch (!!!), lasst ihn an einer Schleppleine. Egal ob Euer Hund lieb ist oder nicht, Ihr wisst nicht, wie ein anderer Hund reagiert, oder ob eine Person, auf die Euer Hund zu läuft, Angst hat. Ein GEMEINSAMER Spaziergang an der Schleppleine bringt Eurem

Hund mehr, als ein Sologang jeder für sich!

Und mein Senior, der zu oft von Tutnixen und Derwillnurspielen gebissen wurde, und dann von Tierärzten behandelt werden musste, ist nicht asozial, nur weil ich ihn vor ungewolltem

Fremdkontakt, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht, beschütze. Mein Hund ist sehr gut sozialisiert, er duldet nur kein rüpelhaftes Benehmen … ganz wie das Frauli halt;) … aber das ist ja wieder eine ganz andere Geschichte.

Aber zurück zum Rückruf. Probiert verschiedene Varianten aus

Geht z. B. in die Hocke und breitet die Arme aus, trippelt leicht nach hinten geneigt rückwärts (entfernt Euch also langsam), verwendet ein Pfeiferl (bitte keine Hochfrequenztonpfeife – wir haben keine Ahnung wie weh das in den Ohren tut, denn wir hören sie nicht – unser Hund aber schon!!! Mitunter wieder ein Grund für Euren Hund nicht zu kommen) und vor allem: Übt den Rückruf!

 

Das beste Pfeiferl versagt, wenn Euer Hund nicht vorher lernt, dass ein Pfiff damit etwas Tolles für ihn bedeutet. Etwas Tolles kann sein: was zum Fressen, was zum Spielen, eine Aufforderung zum Buddeln, etwas Suchen dürfen, einer Spur folgen dürfen, sich wälzen dürfen, etc. etc. – hier

sind definitiv die Lieblingsbeschäftigungen Eurer Hunde gemeint.

 

Übt den Rückruf, wenn nix los ist, und steigert die Ablenkungen LANGSAM. Mit „nix los ist“ meine ich wirklich: NIX LOS!

Kein anderer Hund in Sicht, kein anderer Mensch/Jogger/Radfahrer/Hase/etc etc.

Wir neigen dazu, unsere Hunde zu uns zu rufen, „wenn Gefahr in Verzug“ ist. Und ja, unsere Hunde sind schlau und bleiben kurz über lang wieder in der Entfernung stehen und scannen die Umgebung ab mit dem Gedanken „Wo is der Feind?!“ und kommen (wieder) nicht.

Trara, der nächste Rückruf ist „verpfuscht“.

 

Von daher: rufen, wenn wirklich nichts ist – so hat Euer Hund die Chance zu lernen: Rufen ist

super, dann bekomm ich immer ein Würstl“.

Euer Hund kann den Rückruf nicht, wenn Ihr zu Hause vor dem Gassigehen Euren Hund mit dem Pfeiferl ruft und dann verlangt, dass er auf der Hundeauslaufwiese sofort zu Euch kommt, nur weil ihr pfeift!

 

Vergesst auch nicht, dass Ihr immer spannender als Eure Umwelt sein müsst, damit der Rückruf wirklich klappt.

Und das hat wiederum etwas damit zu tun, wie Ihr Eurem Hund einen Spaziergang „beibringt“: lernt Hund nämlich „Die Alte quatscht eh nur in ihre Hand und ich kann machen was ich will“ … bitte schön, mit Verlaub! – nicht wundern, wenn Hund dann Euch was

pfeift, wenn ihr doch mal ruft.

 

Euer Hund hat nämlich keine Ahnung, dass er gemeint sein könnte, weil ihr habt ihm zu oft gezeigt: Mach Du nur Dein Ding, ich geh meinen Dingen nach. Und genau das sehe ich leider auch beim angeleinten Spaziergang allzu oft … aber das ist eine andere Geschichte ...

Kommt Euch der Beitrag bekannt vor? Wie erlebt Ihr die Rückrufversuche Eurer Mitmenschen? Ist es Euch auch schon aufgefallen, dass offensichtlich "funktionsloses Verhalten" immer wieder und wieder probiert wird? Habt Ihr eine Antwort darauf? 

 

Ich freu mich über Eure Kommentare!

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